Interview mit Rosmarie WELTER-ENDERLIN oder: Balsam auf meiner Seele und raus aus der Opferrolle

26.02.2020


Habe gestern diesen wunderbaren Artikel (ein Interview mit Rosmarie Welter-Enderlin) aus 1994 (!) im systemagazin gelesen. Wie Balsam auf meiner Seele. Wenn ich böse wäre, so würde ich sagen: Gibt es auch etwas Aktuelleres?

Gestern habe ich das hier schon einmal geschrieben - aber ich habe es dann wieder gelöscht (ich musste darüber nachdenken ...). 

Rein fachlich betrachtet darf es keine Rolle spielen, ob jemand, der einen Text schreibt, eine Frau oder ein Mann ist. Ich möchte auch nicht als philosophierende Frau wahrgenommen werden, sondern für meine Texte und meine Arbeit respektiert werden. Und nur dafür! 

Ob ich eine Frau oder ein Mann bin - es spielt für mich beim Denken und Schreiben keine Rolle. Nicht die geringste Rolle. Es ist für mich schreibend vollkommen irrelevant. Und ich denke auch nicht darüber nach, was meine Kinder dazu sagen - wenn ich es mir - ausnahmsweise - erlaube, zu denken und zu schreiben. Zudem habe ich mich durch meine Kinder darin noch nie "behindert" gefühlt. Beim Denken, meine ich. Auch nicht beim Schreiben.

Nun gut - ich hatte nach den Geburten unserer Kinder immer zwei Jahre, in denen ich den Eindruck hatte, dass das Denken gar nicht mehr möglich war (in Summe sind das sechs Jahre, glaube ich). Das hatte einfach mit dem Schlafentzug zu tun. Und wir haben Kinder, die oft in der Nacht aufgewacht sind. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen, wenn ich zu wenig schlafe. Also habe ich da mit dem Denken aufgehört. Aber als sie älter wurden, haben sie einfach gelernt, dass ich auch zu Hause arbeite - oft bis tief in die Nacht hinein. Und es war ein Lernprozess, der sich über ein bis zwei Wochen erstreckt hat. Seither war es nie wieder eine Frage ...  

Warum es - dennoch - auch im systemischen Diskurs nicht mehr Frauen gibt, die sich Gedanken über theoretische Fragen machen, das weiß ich nicht. Ich weiß es einfach wirklich nicht. 

Männer bilden Netzwerke und verkaufen dann ihre Sicht der Dinge sehr breitenwirksam. Männer machen sich einfach oft deutlich wichtiger. Sie bekommen auch eher Professuren an Universitäten und sind dadurch im wissenschaftlichen Diskurs viel präsenter. Und so kann es passieren, dass andere Texte untergehen. (...)

Das Denken jedoch - es ist frei. Und vollkommen geschlechtsneutral. Auch der Ausdruck "man" ist für mich geschlechtsneutral, nebenher. 

"Man sagt ..." - ich finde nicht, dass das unschön klingt. Oder zwingend eine maskuline Tönung hat.