Über den Leib-Seele-Dualismus (Organismus-Psyche-Kopplung) auf zwei Ebenen

17.11.2019

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Gestern abends fragte ich mich: Wozu brauche ich, gehe ich stets von mir als Beobachterin aus (und das tue ich), überhaupt Maturana. Ich benötige sein Denken für nichts. Und habe es nie benötigt. Ich betreibe aber auch Philosophie und stelle keine biologischen Überlegungen an. 

Kopplung kann man ganz einfach auch Kontakt nennen. 

Der Begriff ist ohnedies schöner, finde ich. Und recht unmissverständlich. Mag sein, dass der Autopoiese-Gedanke ganz nett ist. Aber man kann so ein Konzept, das auch nicht gerade sehr komplex ist, dann doch wiederum nicht einfach aus dem Kontext reißen (die Selbsterschaffung lebender Systeme) und nahezu überall anwenden. Es ist doch völlig absurd etwas, das in einem bestimmten Kontext entwickelt wurde, um etwas (Lebendiges) zu BESCHREIBEN, dann in einen anderen Kontext zu übertragen und zu denken, dass das Konzept in dem neuen Kontext ident ist mit jenem Konzept in einem anderen Kontext. 

Der Kontextwechsel verändert das Konzept, von dem die Rede ist. Denn die Bedeutung eines Begriffes ist von dem Kontext abhängig, in dem wir ihn beobachtend begreifen. 

Daher redet Luhmann von etwas anderem als Maturana, wenn er von "operationaler Geschlossenheit" redet. Er muss von etwas anderem reden. Wenn ich einen Kreis auf ein Blatt Papier male, dann hat dieser Kreis eben auch nichts mit dem menschlichen Nervensystem zu tun. Warum sollte er das auch haben?

Aus einer rekonstruktiv beschreibenden und streng beobachterabhängig gedachten Sicht unterliegt auch der "Körper", wie ich ihn im Hier und Jetzt wahrnehme, bereits meiner Beobachtung. 

Wann immer ich einen Teil meines Körpers in den Fokus der Aufmerksamkeit nehme, nehme ich ihn auf bestimmte Art und Weise wahr und dies in Abhängigkeit von meinen Konzepten. Ich werde also beispielsweise meine Haut untersuchend etwas anderes sehen als ein Hautarzt, der vielleicht meine Muttermale unter Berücksichtigung meines Hauttyps gedanklich beurteilt, wo ich diese gar nicht beachte. 

So ist der Leib-Seele-Dualismus auch schon behoben, denn immer schon ist etwas Materielles, kaum nehmen wir es so wahr, bereits vergeistigt, das heißt unterscheidend vom Untergrund differenziert und begrifflich als etwas "Materielles" erfasst (im scheinbaren Gegensatz zu "Geistigem"). 

Von einer "Kopplung" zwischen einem "Organismus" und einer "Psyche" zu sprechen ist keine Beschreibung dessen, was sich nun einmal in der Sprache sinnvollerweise beschreiben lässt, sondern ein theoretisches Modell. Im Großen (Organisationen, soziale Systeme) kann so ein Modell sehr nützlich sein, weil es die Komplexität reduziert. Bei einem einzelnen Individuum scheint es mir wenig nützlich zu sein. Denn es ist ein cartesianischer Dualismus, der jetzt schon obsolet ist und mit Gewissheit die kommenden hundert Jahre nicht überleben wird. Der Wind weht in eine ganz andere Richtung. Nichts wird theoretisch von jenen bleiben, die heute - bezogen auf einzelne Menschen - noch so denken. 

Es gibt noch eine andere Ebene als diese hier beschriebene Ebene (die Beobachtungen beobachtende Perspektive; Kybernetik zweiter Ordnung) und diese ist es wohl, die den Praktiker interessiert: 

Fragt man sich nun, wie "Psyche" und "Körper" nun wirklich "interagieren", quasi "unabhängig" von der tieferliegenden Ebene (s.o.), so kann man sagen, dass die Artikulation des Ausdrucks "Psyche" sensomotorische Muster voraussetzt, welche wiederum nur erzeugt werden können, wenn der Körper diese in Rückkoppelungsschleifen (die diese Muster überhaupt erst zu Mustern machen) produziert, sensomotorische (und propriozeptive; taktile) Rückkoppelungsprozesse, die uns den Körper wiederum als "Körper" begreifen lassen. 

Das heißt, so wie Ciompi in seiner Affektlogik keine dualistische Trennung zwischen "Kognition" und "Emotion" konzeptualisiert, können sensomotorische, verkörperte Muster, die sowohl Kognition als auch Emotion ermöglichen, meines Erachtens auch als gemeinsamer Nenner von "Psyche" und "Soma" begriffen werden! Jeder "geistige Ausdruck" setzt wiederholbare sensomotorische Muster voraus, die durch und durch verkörpert sind.