Sprachliche Prägungen

08.10.2020

"Die Möglichkeiten des praktischen Denkens wie des Denkens überhaupt sind darum zu jeder Zeit streng begrenzt durch Umfang und Fülle der verfügbaren sprachlichen Prägungen: durch Anzahl und Tragweite der Haupt-, Tätigkeits-, Eigenschafts- und Bindewörter. Die Gesamtheit dieses Wortschatzes wird in der indischen Philosophie nāmān (lateinisch nomen, unser Wort 'Name') genannt. Denn eben die Substanz, auf und durch die der Verstand wirkt, wenn er denkt, besteht aus diesem Namensschatz der Begriffe. 

Nāmān ist das innere Reich der Begriffe, das dem äußeren Reich der wahrgenommenen 'Formen' entspricht; der Sanskrit-Ausdruck für letztere ist rūpa, 'Form', 'Gestalt', 'Farbe' (denn es gibt keine Gestalten und Formen ohne Farbe). Rūpa ist das äußere Gegenstück zu nāmān; nāmān ist das Innere von rūpa. 

Nāma-rūpa bezeichnet daher einerseits den Menschen als erfahrendes, denkendes, mit Verstand und Sinnen begabtes Individuum und andererseits alle Mittel und Gegenstände des Denkens und Wahrnehmens. 

Nāma-rūpa ist die ganze subjektive und objektive Welt, soweit sie wahrgenommen und erkannt wird."

Zimmer, Heinrich, 1998, Philosophie und Religion Indiens, Frankfurt a. M., S. 34 - 35.