Über das sogenannte "Schöne" und leidfreie Stätten

16.11.2019


Die Schönheit einer Formation liegt im "Auge des Betrachters", oder in seiner Anschauungsform. Ich kann, und da werde ich mir jetzt den Unmut meiner halbwüchsigen Kinder zuziehen, selbst Müllberge schön finden, oder ein Plastiksackerl in einem Baum, wie es sanft im Wind weht. Ich finde solche Formationen tatsächlich schön. 

Das heißt nicht, dass ich einen Kranich, der an einem verschluckten Plastikteil qualvoll verendet, auch schön finde. Ich finde Leid zu keinem Zeitpunkt schön und das Leid zeigt sich, sobald ich jemanden und etwas sehe (oder/und höre), der oder das offensichtlich mit etwas qualvoll ringt. Das ist allerdings auch selten eindeutig. Es ist bei anderen Lebewesen nicht eindeutig, da wir sie nicht fragen können, wie es ihnen geht und es ist bei unserer Spezies auch nicht eindeutig. Wir Menschen haben die seltsame Angewohnheit uns an die merkwürdigsten Zustände zu gewöhnen. Zustände, die für außenstehende Beobachter leidvoll aussehen mögen, was aber keineswegs bedeutet, dass es so sein muss. Es ist daher auch hier günstig nachzufragen. Und das artikulierte Leid dann auch ernst zu nehmen. Das ist keine subjektive Betrachtung meinerseits, es ist keine Bewertung, wie die Bewertung ob etwas nun "schön" oder "weniger schön" ist, sondern eine Beschreibung eines Sachverhalts. Und da sich Beschreibungen immer in der Sprache abspielen, sind sie als intersubjektiv zu betrachten, ebenso wie meine Sprache keine Privatsprache ist. Wenn mir also jemand sagt, dass er leidet, dann ist das für mich so. Ich zweifle diese Beschreibung nicht an, versuche (wenn man mich darum bittet) zu helfen (wenn ich mich dazu in der Lage sehe, tue ich das auch). Manchmal ist das einfach, etwa wenn jemand leidet, weil der Kühlschrank kaputt ist. Manchmal ist es schwieriger, etwa bei Liebeskummer. Aber hilfreich ist oft, den Blick zu wechseln. Die Anschauungsweise zu verschieben. Das kann auch gelingen, wenn einem jemand zeigt, wo man noch hinschauen könnte (wenn man es sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht autonom zeigen kann). Und man so wieder Orte findet, die schön sind, eine leidfreie Stätte.  

Und wenn mir jemand sagt, dass er nun nicht mehr leidet, dann nehme ich das auch so hin. Ich bohre nicht nach ("Eigentlich muss er immer noch leiden ..."; "Das kann nicht sein ..."), sondern ich lasse es dabei bewenden. Wenn mir jemand drei Wochen später sagt, dass das Leid jetzt gerade doch wieder da ist, dann nehme ich auch das so hin. Aber es kann auch wieder verschwinden. Das entscheide aber auch nicht ich. (Nur wenn es mich persönlich betrifft, das heißt mein persönliches Leid.)

Empfindungen sind privat und insofern ist auch mein empfundenes Mitgefühl privat. Ich kann mein Empfinden nicht mit dem Empfinden eines anderen abgleichen, ich kann nur darüber reden, aber nicht objektivieren, wie wir etwas nun "tatsächlich" empfinden. Mein Mitgefühl ist nicht mit Ihrem Mitgefühl "abgleichbar". So verschließt sich etwas Empfundenes hartnäckig dem anderen, es bleibt privat.  Dennoch ist es natürlich "nachempfindbar", so wie wir dies auch in der Sprache ausdrücken können. Aber wir können es nicht überprüfen. So wenig wir die tatsächlich empfundenen Gefühle eines Menschen "überprüfen" können, können wir die Gedanken "überprüfen". 

Wir können uns immer nur an das Ausgedrückte halten, und damit sind nicht nur Wörter und Sätze gemeint, sondern vielmehr verkörperte Begriffe, verkörperte Bewegungen (sichtbar und/oder hörbar und spürbar gemachte sensomotorische Muster), die auch real von anderen Menschen genau so (und nicht merklich anders) geformt werden können.