Über die Reduktion von Komplexität oder: Wenn Luhmann nicht im Wohnzimmer sitzt

25.11.2019

Eines der Argumente für dieses Modell der Psyche-Organismus-Kommunikation-Kopplung (das ja im Großen durchaus nützlich erscheint, aber mit Sicherheit nicht im Kleinen, also immer wenn es um Familien, Paare - das heißt durchaus beobachtbare und damit "überschaubare" Gruppierungen geht) ist immer wieder, dass es die "Komplexität reduziere".

Aber Familien, Paare (und natürlich einzelne Individuen als ihre Bestandteile) also Systeme, in denen Kommunikation stattfindet, reduzieren ihre Komplexität selbst! Vollkommen modellbefreit. Ist das nicht faszinierend? Das geht auch ohne Luhmann im Wohnzimmer.

Und wie machen sie das? Sie achten auf bestimmte Aspekte, sprechen über bestimmte Aspekte und achten auf andere Aspekte nicht, sprechen nicht darüber. 

Die gerichtete Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt reduziert die Komplexität. 

Und wir Therapeuten können uns genau diese bereits reduzierte Komplexität ausschnittsweise "ansehen" - und "anhören" (was wir zu hören bekommen). Denn in diesen Familien, Paarbeziehungen u.s.w. kommen bestimmte Aspekte zur Sprache oder auch nicht zur Sprache (das heißt, es beschwert sich eventuell jemand darüber, dass etwas nicht gesehen wird, das gesehen werden sollte ...) u.s.w. Das heißt, das System hat sich innengesteuert seine eigene Wirklichkeit erschaffen, es entstehen in dieser Wirklichkeit unter Umständen "Leidenszustände" und nun kann ich Teil dieses Systems werden, da ich mir anhören kann, was hier kommuniziert wird. Und was nicht. Wobei sich die Kommunikation schon alleine dadurch verändert, dass ich da sitze und mir das anhöre. Das alleine macht bereits einen Unterschied. 

Ich brauche keine Dreiteilung eines Organismus, einer Psyche und Kommunikation, um so ein für mich beobachtbares System in der Komplexität zu reduzieren. Wohl aber, um NICHT BEOBACHTBARE Systeme in ihrer Komplexität zu reduzieren. Kein Mensch kann eine "Gesellschaft" beobachten oder "ganze Nationen". Hier muss man ein abstraktes Modell wählen, will man zu irgendwelchen Aussagen kommen, wie ja auch die Ausdrücke "Gesellschaft" oder "Nation" abstrakt sind. 

Aber für Familien, Paare (auch den einzelnen Menschen) brauche ich so ein Modell mE nicht. Es schafft eine von außen erzeugte Modellierung, die nichts mit dem gerade vorhandenen Kommunikationssystem zu tun hat. Mir scheint es nützlicher, mir anzuhören, was gerade los ist, zu hören, was sich in der Familie gerade abspielt (gut, wenn möglichst viele etwas dazu erzählen können) und dann zu versuchen, Impulse zu geben, damit auch mal was anderes gesehen werden kann, andere Aspekte in den Blick genommen werden. Dadurch verändert sich automatisch die Wirklichkeit der Familie, die Wirklichkeit eines Paares. Wenn sich da etwas ändern soll. Und auch das bestimme nicht ich! 

Menschen reduzieren ihre Komplexität ständig, indem sie manches sehen und den Großteil nicht sehen.

Wenn ich also, um ein konkretes Beispiel zu geben, mich bei meiner Therapeutin darüber beschwere, dass ich keinen Raum habe, um meinen Tätigkeiten nachzugehen, sondern mich kinderversorgend persönlich verliere (das ist frei erfunden), so kann ich - nach ein paar Sitzungen - vielleicht Räume entdecken, die ich bisher nicht gesehen habe, obwohl sie da waren. Andere Aspekte in den Blick nehmen und dadurch andere Wirklichkeiten erzeugen.

Ich sehe keine Notwendigkeit, hier irgendjemanden (Individuen) künstlich in ihrer Komplexität zu reduzieren (durch eine Organismus-Psyche-Kommunikation-Modellierung). 

Ich nehme die reduzierte Komplexität, wie sie sich im Hier und Jetzt zeigt. 

Wenn es abstrakt wird (im Großen) - dann ist so ein Modell, das Komplexität reduziert, bestimmt nützlich.