Mein Großvater mütterlicherseits Tadeusz Gozdecki und Juri Gagarin

02.01.2026

Rechts im Bild mit der Zigarette mein Großvater

Das neue Jahr beginnt mit einer Entdeckung - meine Mutter hatte nicht nur eine polnische Halbschwester, die sie und wir gut kannten - Marta Gozdecka-Lesz, Professorin in Warschau, sondern auch einen Halbbruder, den sie nicht kannte, dessen Sohn aber gestern erstmals meinem Bruder geschrieben hat. Auch Marta hielt ihren Bruder geheim! 

Mein Großvater, Tadeusz Gozdecki, war eine Zeit lang in Wien stationiert, wo er meine Großmutter - Margit Suchy - kennenlernte. Sie verliebten sich - beim Blick über die Straße. Meine Großmutter wohnte damals im 1. Bezirk in Wien, mein Großvater bezog ein Hotel auf der gegenüberliegenden Straßenseite. 1949 kam meine Mutter Magdalena auf die Welt - sie wäre morgen 77 Jahre alt.

Mein Vater war Dipl. Ing. Dr. Kunibert Gaugusch, Architekt und Universitätsassistent an der TU Wien. Er verstarb viel zu früh im Sommer 1987. Ich war damals 10 Jahre alt, er war 47. Seine Eltern verstarben als er ein Kind war, und so wurde er von einem Künstler und seiner Frau adoptiert, die ihren Sohn in den letzten Kriegstagen verloren hatten - einige Zeit (bis zur Adoption) musste er als Kind in einem Altersheim leben. Mein Vater hatte eine harte Kindheit, von der er sich nie so ganz erholt zu haben schien. 

Meine Eltern trennten sich als ich ein Jahr alt war - ich wuchs in der Wohnung im 1. Bezirk auf, in der meine Großmutter (Margit Suchy) und meine Urgroßmutter (Fernande Suchy) lebten. Meine Großmutter verstarb im September 1977, ein paar Monate nach meiner Geburt und meine Mutter übernahm als studierte Biologin unseren alten Familienbetrieb in der Wiener Innenstadt. Ein Stoffgeschäft - Wilhelm Jungmann & Neffe. Ob das wirklich ihr Berufswunsch war, oder sich aus der Notwendigkeit der Firmenübernahme ergeben hat - ich weiß es nicht. Sie führte den Betrieb jedenfalls hervorragend. Ich wuchs umgeben von Stoffen auf - ich spielte unter den riesigen, hölzernen Verkaufstischen, hatte dort mein kindliches Reich und wich meiner Mutter nicht von der Seite. Mit drei Jahren kam ich in den Kindergarten im Wiener Stadtpark - nicht gerne, aber ich musste. Organisationen und Institutionen waren noch nie meines - auch die Schulen nicht, die ich dann besuchen musste. Zuerst die Volksschule der Erzdiözese am Judenplatz im ersten Bezirk, dann das Gymnasium der Ursulinen in Wien Mauer - ich träumte mich jahrelang weg. Erst an der Universität konnte ich mich mit Fragen beschäftigen, die mich wirklich interessierten. In der achten Klasse bei den Ursulinen fing es langsam an - ich maturierte in Psychologie und Philosophie. 

Wenn ich nicht im Gymnasium oder zu Hause war, war ich im Winter täglich beim Wiener Eislaufverein (WEV) am Heumarkt zu finden - das Eislaufen war neben dem Schachspielen meine größte Leidenschaft. Ich hatte beim WEV viele Freunde, die in der Innenstadt wohnten und die umliegenden Gymnasien besuchten. Wir fuhren stundenlang im Kreis, immer wieder veränderte sich auch die Richtung, hörten Musik und redeten. Nach dem Eislaufen trafen wir uns immer wieder in der einen oder anderen Wohnung, legten Platten auf und spielten etwas - zum Beispiel Mah-Jongg (aber nicht in der computerisierten Version, sondern mit realen Steinen). Eine meiner damaligen Freundinnen hatte einen der ersten und neuesten Macintosh-PCs zu Hause - das war in den 80er Jahren sensationell. Er konnte auf schriftlich gestellte Fragen antworten. Ich war unendlich fasziniert davon. Andere sammelten Platten - hatten ältere Geschwister, wie ich, die uns wiederum ihre Musiksammlungen zeigten. Um acht Uhr abends musste ich stets zu Hause sein, meinte Mutter war da ziemlich streng. Schließlich fuhr ich eine Stunde morgens in die Schule zu den Ursulinen, ich musste täglich um sechs Uhr aufstehen. Und nachmittags wieder eine Stunde nach Hause. Meine Mutter wollte, dass ich aus der Stadt rauskomme, ins "Grüne" - und die Ursulinen haben tatsächlich ein schönes Schulareal am Rande des Wienerwaldes. Zudem war sie selber eine Ursuline, damals war die Schule allerdings noch in der Johannesgasse in der Innenstadt von Wien angesiedelt. Ich war ein verträumtes Kind, das Liebkind meiner Volksschullehrerin - aber ich glaube, es war nicht ganz einfach, mich überhaupt in einem Gymnasium unterzubringen. Ich plagte mich durch die Unterstufe, saß zwar dort, aber war geistig immer ganz woanders. Nur schreiben konnte ich sehr gut, das half mir, die Mittelschule zu überstehen. 

Im Sommer tauschte ich meine Schuhe gegen gelb-blaue Rollschuhe aus - meist fuhr ich runter zum Donaukanal und übte dort stundenlang Kunststücke. Unser altes Wiener Stoffgeschäft war immer der Hotspot in unserer Familie, zugleich die Lebensgrundlage. Heute führt es mein Bruder, DI Georg Gaugusch. 

Als ich vierzehn Jahre alt war, schnitt mir ein Wiener Hautarzt brutal in den linken, großen Zeh, der entzunden war - darin klaffte dann über lange Zeit eine eitrige, schmerzhafte Wunde und es war vorbei mit dem Eislaufen und Rollschuhfahren. Ich vergrub mich in meinen Büchern, holte mir hinkend ständig Nachschub in einem Taschenbuchladen in der Innenstadt, veränderte mich massiv. Ich war ein sehr sensibles Kind - und hatte schließlich mit siebzehn meine erste, tiefe spirituelle Erfahrung. 

Ich lag in meinem Zimmer am Boden und war - tot. Gefühlt so tot, wie man nur tot sein kann. Aber ich spürte, dass etwas in mir nicht sterben kann. Es war eine tiefe Erfahrung, die mir 2022, als ich dem Tod durch eine schwere Erkrankung (wieder) sehr nahe kam, unglaublich helfen sollte. Ich wusste, aus Erfahrung: "Etwas in mir stirbt nicht, selbst wenn der Körper stirbt." Aber ich sollte ja nicht sterben - mein Flehen, bei meinen Kindern und meinem Mann bleiben zu können, wurde erhört. Die Liebe hat mich heilen lassen. (Aber ich schweife ab)

Die Familie meiner Urgroßmutter (Fernande Suchy) kam aus Pressburg, wo sie eine Reihe an Geschäften und Liegenschaften besaßen. Die Vorfahren meines Urgroßvaters - Suchy - waren Uhrenfabrikanten. Ich wuchs im Wohlstand auf, aus einer Familie von Geschäftsleuten kommend (Generationen zurück). Wobei - ich vermute mein polnischer Großvater war beim Geheimdienst. Und mein Vater war Architekt und Künstler. 

Meine Urgroßmutter Fernande untersagte ihrer Tochter Margit die Heirat mit Tadeusz Gozdecki. Sie heirateten dennoch, aber er musste nach Polen zurück und die Kommunikation war nach dem Krieg sehr schwierig. Meine Großmutter konnte die Liebe ihres Lebens nur selten sehen. Es war eine Wunde in der Familie, die kaum zu heilen war. 

Es ist sehr schön, nun dieses Bild meines Großvaters bekommen zu haben und im Kontakt mit meinem Cousin zu sein. Was für ein wundervoller Neujahrsbeginn!

Ich denke, im Rückblick, dass mich die Freiheit meiner Kindheit (unter anderem am Eis) später frei denken hat lassen - als Studentin. Und die wesentlichen Elemente meiner Philosophie waren schon da, als ich studierte. Ich konnte mich von den Büchern und Vorgaben lösen. Das wäre nicht möglich gewesen, hätte ich einerseits nicht immer sehr frei leben können und wäre ich andererseits nicht finanziell unabhängig gewesen. Nach dem Tod meiner Mutter 2006 sollte mir die Hälfte unserer Firma zufallen und so war und blieb ich finanziell losgelöst. Ich war nie gezwungen, als Psychologin in einer Anstalt zu arbeiten. Ich kann frei und selbständig tätig sein. Alles andere bekommt mir auch nicht - wie ich festgestellt habe.

Hoch lebe die Freiheit im Geiste. Sie ist das höchste Gut.