Über Macht & Aufmerksamkeit

07.05.2020


Macht ist m.E. keine Frage der "Austauschbarkeit", sondern Macht ist eine Frage der "Fokussierung der Aufmerksamkeit".

Wäre "Macht" eine Frage der "Austauschbarkeit" oder "Nicht-Austauschbarkeit" einer Person, so argumentierte jemand auf Personenebene - seltsam, wo doch sonst von so Denkenden meist von "gekoppelten Organismen" gesprochen wird. 

Ohnedies eine nur bedingt brauchbare Philosophie (sage nicht, dass dieses Denken gar nicht brauchbar ist), dieses Kopplungsdenken, da ein Mensch eben ein Mensch ist, und keine andere Beschreibung wirklich praktisch und nützlich ist. 

Eine "Psyche" ist ein sprachliches Konstrukt, das sich nicht beobachten lässt. Schon gar nicht als "Umwelt" von x. 

Ein Mensch ist aber eine Beobachtung im Hier und Jetzt. Das ist der Unterschied. Daher spreche ich von Menschen und nicht von gekoppelten Fantasiegestalten, die angeblich auch noch so autonom/geschlossen sind wie ein Spülkasten (wenn man drückt, dann öffnet er sich). 

Ginge es also um "Austauschbarkeit", so muss eine Person für sich definieren, ob eine andere Person nun ersetzbar ist, oder nicht. 

Eine Person setzt sich allerdings aus einer Vielzahl an möglichen Aspekten "zusammen" (eine Frau/ein Mann kann gut kochen, gut küssen, gut nähen, gut schreiben, gut übersetzen, gut Socken stopfen können etc.) - und manche dieser Aspekte mögen nun wichtig sein in einem bestimmten Kontext, andere nicht. 

Es ist also die Frage, worauf jemand seine Aufmerksamkeit lenkt - und nicht primär die Frage, ob jemand "an sich" austauschbar ist, oder nicht. 

Macht ist eine Frage der Fokussierung der Aufmerksamkeit. Und da wir Menschen immer über unsere Aufmerksamkeit frei bestimmen können, außer es jagt uns jemand eine Eisenstange durch das Frontalhirn (hier sehen wir auch schön, dass wir immer in Wechselseitigkeit mit einer Um- und Mitwelt existieren und zu keinem Zeitpunkt vollkommen autonom) - sind wir grundsätzlich frei! 

Frei in dem Sinne als wir uns aussuchen können, was wir beachten und was nicht. Nun - ganz so ist es aber eben nicht. Denn mitunter werden uns auch nur ganz bestimmte Sachen gezeigt, andere gelangen gar nicht in die Kommunikation. Sie können uns daher nicht berühren, nicht erreichen - wir können unsere Aufmerksamkeit nicht auf sie richten. 

Es kann auch ein eitriger Zahn unsere gesamte Aufmerksamkeit absorbieren. Und hier braucht es dann einige gekonnte Übungen, um den Schmerz gedanklich auszuschalten, die Aufmerksamkeit umzulenken (oder/und auch ein gutes Schmerzmittel + Zahnarzt). Auch hier können wir (ab einem bestimmten Alter) frei entscheiden, wie wir mit Schmerzen umgehen. 

Ich würde die "Aufmerksamkeit" (ein etwas ominöser Begriff, wie ich finde) gleichsetzen mit unserer Unterscheidungsfähigkeit - aber das ist wieder eine andere Geschichte ...