Bei der jährlichen Muttermalkontrolle: "Oh, Sie haben ja schon wieder Haare ..."

05.06.2026

Ich muss gestehen - ich wollte dort nicht hingehen. Auch wenn Thomas (das ist meine bessere Hälfte) und ich seit ca. sechs Jahren zu diesem Hautarzt gegangen sind - jährlich. Um unsere Muttermale kontrollieren zu lassen und hin und wieder auch um da und dort etwas wegschnipseln zu lassen. Aber ich dachte mir schon im Vorfeld: "Was mache ich noch bei einem Hautarzt?" 

Ich meine, ich bin von allen Ärzten vor drei Jahren aufgegeben worden und lebe wunderbar gesund. Warum sollte ich jetzt, nach all dem, Hautkrebs bekommen? Ich denke, ich habe das Thema "Krebs" in meinem Leben durchexerziert. "Fürchtet Euch nicht!", heißt es in der Bibel. Und ich fürchte mich schon lange nicht mehr. 

Nun gut - eine unserer drei Töchter meinte vor einigen Wochen sie würde mal gerne zum Hautarzt gehen, und wenn das eine meiner Töchter sagt, kann ich schlecht widerstehen. Ich hüte sie wie meinen Augapfel. Unsere Töchter. Ich machte also einen Termin bei Dr. Müsterlich aus.

Das Event sollte am Mittwoch steigen, quasi Großkampftag. Thomas kam mit Theresa von Neulengbach, ich fuhr von Hofamt aus mit Sophia los. Das Ziel: Baden bei Wien. Am Weg, ich schwöre es, vor dem Feiertag (Fronleichnam) lauter Pensionisten auf der Autobahn, die im Heim noch Ketamin verabreicht bekommen haben. Sie schliefen auf der Mittelspur, überholten dann aber rechts, wenn man so gar nicht damit rechnete. 

"Heute hamsaswidaauslassen!!", schimpfte ich. Ein alter Stehsatz meiner Mutter, selig. Auf Deutsch heißt es: "Heute haben sie sie wieder auslassen!!"

Ein Unfall nach dem nächsten war die Folge. Dennoch schafften es Sophia und ich pünktlich nach Baden bei Wien. Thomas hingegen fuhr die gleiche Strecke und stand in Vösendorf im Stau - er hatte auf der Allander Autobahn die Ausfahrt "Heiligenkreuz" verpasst und aus irgendeinem Grund auch "Alland" (Mayerling war gesperrt). Und so waren es nur mehr zwei. 

Ich sollte beginnen, Dr. Müsterlich bat mich in den Behandlungsraum.

"Oh", sagte er sichtlich erstaunt, "Sie haben ja schon wieder Haare."

Ich war entwaffnet. Ich meine, ich war auch letztes Jahr bei ihm und vorletztes Jahr, und vorvorletztes Jahr. Immer hatte ich Haare. 

Ich konnte gar nicht mehr denken, auch nicht mehr sprechen.  

Ich befand mich quasi im Nirvana. Lächelte verlegen. Das tue ich immer, wenn ich nicht mehr weiß, wie ich auf Begriffe reagieren soll. Lächeln - immer lächeln.

"Wie geht es Ihnen denn?", säuselte er. Als wäre ein Stück Brot empathisch. 

"Ja danke", erwiderte ich. "Es geht mir sehr gut."

"Sind Sie jetzt wieder gesund?", fragte er.

Das war ich schon letztes Jahr. Und vorletztes Jahr. Aber was bringt es, hier Erklärendes zu sagen? Manche Ärzte dürften das Konzept der Heilung nicht kennen. Das ist mir auch schon in der Psychiatrie aufgefallen - also, als ich dort noch als Psychologin tätig war. 

Es gab dort einen Psychiater, der seine Patienten und Patientinnen als "hochgradig gestört" klassifizierte und die Ursache dafür im "Hirn" ausmachte - Heilung vollkommen unmöglich. So ging er auch mit seinen Patienten und Patientinnen um. Wie mit "hochgradig Gestörten". 

Ich fragte ihn damals: "Und, was meinst Du, wo sitzt die Störung? Im Gehirn? Oder wo?" 

"Ja, ja - im Gehirn", meinte er. 

Was soll ich dazu sagen? Nichts. Es ist und war mir zu mühsam. 

"Ach so, im Gehirn", wiederholte ich die tiefgehende Erkenntnis mit einem sarkastischen Unterton. Wieso war mir das nicht selber schon eher eingefallen? 

Er hasste mich, dieser Psychiater. Ich scheine überhaupt ein etwas gestörtes Verhältnis zu Psychiatern zu haben, aber das ist eine andere Geschichte. Ich lächelte damals. Lächeln, immer lächeln. 

Ich sagte nichts mehr und legte mich auf die Liege. Während Dr. Müsterlich meine Muttermale kontrollierte, erzählte er mir von Krebstoten in seiner Verwandtschaft und wie tragisch das doch sei. Ich schwieg. Aber irgendwann, ich glaube, er hat gerade über ein Glioblastom und zwei Halbwaisen gesprochen, sagte ich, freundlich lächelnd:

"Aber ich gebe doch den Menschen Hoffnung!"

Er verstand nicht. Ich sage ja, das Konzept der Heilung war und ist nicht in seinem Inneren etabliert. Wie soll er es dann im Außen sehen können?

Und dann kamen jene Aussagen, die mich nachdenken ließen, ob nicht vielleicht doch eine Anzeige bei der Ärztekammer anzudenken sei. Ich bin allerdings ein viel zu friedfertiger Mensch und habe in meinem ganzen Leben noch niemanden irgendwo angezeigt. Nicht einmal die größten Arschlöcher. 

"Ja", sagte er, "jetzt sind Sie ja schon abgehärtet. Ich kann Ihnen ja jetzt sagen, auch wenn Sie zur Hautkrebskontrolle kommen, heißt das nicht, dass Sie keinen Hautkrebs haben! Sie könnten ihn auch am Anusausgang haben oder auf der Rückseite des Auges. Diese Untersuchung ist keine Garantie, dass man keinen Hautkrebs hat."

Ähm. Ok. Ich dachte nach. Mittlerweile war diese Fähigkeit wieder schleichend zurückgekehrt. 

"Was bringt das dann, was Sie da machen? Ich meine - hat das dann überhaupt einen Sinn?" Ich wollte nicht allzu kritisch rüberkommen. Das ist mir vermutlich nicht vollkommen gelungen. 

"Wissen Sie", setzte er seine Analyse fort, "es gibt Menschen, die rauchen und werden sehr alt. Denken Sie nur an den ehemaligen Bundeskanzler Deutschlands - wie heißt er doch gleich, Schmidt. Er wurde fast 100 Jahre alt. Und er rauchte und rauchte ... "

Tja, was soll man dazu sagen?

Ich sagte gar nichts mehr. Als er mit der Durchleuchtung sämtlicher Hautareale fertig war (dem Anus ausgenommen, wohlgemerkt - wobei, wenn er mit seiner Leuchtlampe dort hingelangt wäre, ich hätte mich wehren können ... mit einem Schas, dem Schas meines Lebens), ergänzte er (vermutlich war mein Gesichtsausdruck doch etwas verstört und dies sogar für ein Stück Brot erkennbar):

"Alles gut bei Ihnen - Sie haben nichts. Vergessen Sie, was ich Ihnen gesagt habe."

Ja, vergessen! Mache ich das nicht gerade? Wenn ich mir nur nicht Unterhaltungen wortwörtlich über Jahrzehnte merken könnte! Dieses Scheißgehirn!

Ich verabschiedete mich lächelnd und Dr. Müsterlich (Name von der Redaktion geändert) holte Sophia in den Behandlungsraum. Ihr dürfte es besser ergangen sein - typische Themen einer angehenden Studentin und nichts, was ich mithören wollte oder sollte.

Im Wartezimmer saß mittlerweile eine Mutter mit einem ca. vierzehnjährigen Kind, das seine Hände beidseits in Frischhaltefolie eingewickelt hatte und damit das Handy bediente, sprich "herumwischte". Es kam schon beidseits foliert bei der Ordinationstür herein. Das Kind. Ich sinniere, wie das kommen kann und ob es denn nicht schonendere Wege gibt, die Hände eines Kindes zu behandeln. Meine Gedanken schweiften ab. Ich sinnierte, wie es dem Kind wohl damit ginge. Wie sich das anfühlte, so eine Folie auf den Händen. Vielleicht wie eine Folie auf den Fersen, wenn ich meine Hornhaut in Urea einweiche? Wie es wohl die Blicke der anderen ertrug. Und so weiter. 

Wie gut, dass das Leben immer weiterläuft. Immer weiter und weiter. 


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